Im Sommer erzählen Projektoren auf der Fassade des kanadischen Parlaments in Ottawa jeden Abend einen Teil der Geschichte des Landes, hunderte Menschen versammeln sich für diese Lichtshow auf dem Hügel neben dem Ottawa River. Zum Schluss ertönt die englisch-französische Hymne, der Mann vor mir springt auf und salutiert in offensichtlich übertriebener Weise. Er schlägt die Hacken zusammen wie Butler James beim „Dinner for one“ am weit fortgeschrittenen Silvesterabend. Ich schaue mich um: Manche lächeln, niemanden interessiert es so richtig, was der Kerl vor mir aufführt. Die Leute freuen sich nur über einen warmen Abend in einem Land, das jedem die Freiheit gibt, sich über die Staatssymbole lustig zu machen. FOL

Hundert Kilometer südöstlich, hinter der US-amerikanischen Grenze also, hätte der Mann für eine ähnliche Aktion vermutlich ernsthaft Ärger bekommen, denke ich mir. Aber nicht hier. Kanada ist ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Land. Und das hat in erster Linie etwas mit seiner Einwanderungspolitik zu tun.

Kanada bekommt Einwanderung "als einziges Land" hin

"Kanada ist das einzige Land, das sein Einwanderungssystem richtig hinbekommt. Das kann aber nicht auf andere Länder übertragen werden. Punkt." John Ibbitson, Buchautor und Redakteur bei der Zeitung "The Globe and Mail“, sieht mich triumphierend an. Na herzlichen Glückwunsch. Für diese Erkenntnis bin ich nun mehr als 6000 Kilometer weit gereist? Zumindest taugt die Klimaanlage etwas in dem Coffeshop, in dem mir John einen kalten Drink spendiert. 14 Länder, 14 Reporter – Lösungen, die für unsere Gesellschaft Vorbild sein können

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Was er meint: Viele glückliche Umstände haben Kanada zur erfolgreichsten echten multikulturellen Gesellschaft der Welt gemacht. Aufgeben will ich aber natürlich nicht. Was kann sich Deutschland abschauen?

"Seid hart zu Flüchtlingen", sagt Ibbitson mit festem Blick. "Das ist etwas, das ihr aus humanitären Gründen macht. Altruismus ist eine ganz schlechte Grundlage für Politik. Das wird schiefgehen." So einfach wie selbstverständlich für ihn.

Ibbitson ist 63, stammt von Engländern, Iren und Deutschen ab, den typischen Einwanderern bis weit ins 20. Jahrhundert. Bis sich in den 1960er-Jahren alles änderte, bis Pierre Trudeau, Vater des heutigen Regierungschefs Justin, dem Land gegen alle Widerstände ein radikales Einwanderungsgesetz verpasste.

Pragmatismus schlägt das gute Herz

Ibbitson ist kein Ultrakonservativer, eher das Gegenteil. Und doch bemerke ich bei ihm wie auch bei anderen Gesprächen mit eigentlich liberalen Kanadiern, Experten und Einwanderern eine erstaunliche Direktheit, was Immigration betrifft. Pragmatismus schlägt immer das gute Herz. Was ist für uns dabei drin? Das ist für alle hier die entscheidende Frage.

"Verkauft Einwanderung als positiven Wirtschaftsfaktor", fährt Ibbitson fort. "Sie ist gut für Steuern, gut für die Schulen, für das Gesundheitssystem. Jedes Land braucht Konsumenten und Menschen, die etwas beitragen. Der durchschnittliche Einwanderer nach Kanada ist besser gebildet als der Durchschnitt der Menschen, die hier geboren wurden."

Seit 1967 hat Kanada bereits, was in Deutschland erst jetzt zaghaft kommt: ein Einwanderungsgesetz. Potenzielle neue kanadische Bürger werden dabei mit einem Punktesystem bewertet, die Regierung legt flexibel die Grenze fest, angepasst an den aktuellen Bedarf.

"Sie sprechen hervorragendes Englisch oder Französisch. Sie müssen jung sein und mindestens einen Master-Abschluss haben. Und Sie brauchen mindestens drei Jahre Berufserfahrung. Andernfalls können Sie es vergessen, dass wir Sie nehmen", sagt Ronalee Carey, eine der erfolgreichsten und einflussreichsten Einwanderungsanwältinnen in Ontario.

Elektronischer Fragebogen für potentielle Einwanderer

Sie dreht den Computerbildschirm in ihrem karg eingerichteten Büro in meine Richtung: "Die Regierung hat diesen wirklich hübschen Fragebogen. Schauen wir mal, ob Sie angenommen würden, okay?" Sie grinst.

"Sind Sie verheiratet? Sie können auch lügen", sagt sie, das Grinsen wird breiter. "Wie alt sind Sie? Was ist Ihr höchster Bildungsabschluss?" Carey erzählt und erzählt, die Leidenschaft für ihren Beruf quillt aus jedem Satz. Sie gibt alles dafür, den Schwächsten den Weg nach Kanada zu ermöglichen, ihnen dort eine Chance zu geben, die Schwächen des Systems zu überwinden. Grundsätzlich würde sie es aber nie infrage stellen. /iStockphoto/Manjurul In Kanada gibt es klare Bedingungen für Einwanderer

Weiter also im Online-Formular, Sprachfähigkeiten, Berufserfahrung, familiäre Verhältnisse. "459 Punkte, Sie würden es schaffen", sagt sie, wenig überrascht. Ich bin 32, kann gut genug Englisch und habe einen Magister-Abschluss. Alles klare Vorteile anderen gegenüber. "Gehen wir zurück und machen wir aus Ihnen mich“, schlägt Ronalee Carey vor. „Wir machen Sie also älter, 45 Jahre. Also jemand, der gerade beruflich voll im Saft steht. 359. Wow!" Jemand wie sie hätte keine Chance.

In diesem Jahr nimmt Kanada 310.000 Einwanderer auf, viel für ein Land mit 37 Millionen Bewohnern. Eine seit Jahren stabile Zahl, festgelegt vom Einwanderungsminister. Die Regierung stellt ein für sie ideales Menü zusammen: 170.000 kommen über das Punktesystem, die Premium-Einwanderer also, dazu kommen 110.000 Familienangehörige von Menschen, die bereits in Kanada leben und 30.000 Flüchtlinge. Diese "bestellt" Kanada bei den Vereinten Nationen, genau abgezählt.

Menschen aus bestimmten Ländern haben keine Chance in Kanada

Woher jemand kommt, spielt in vielen Fällen eine entscheidende Rolle. Experten erzählen mir, dass Kanada für Menschen aus bestimmten lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern generell keine Visa ausstellt, Venezuela und Burundi etwa. Offiziell möchte das niemand wissen, denn es gibt kein Gesetz, das Entsprechendes vorschreibt, wie Donald Trump es mit seinem Vorschlaghammer "travel ban" für muslimische Länder versuchte. Das Ergebnis ist aber ähnlich.

Auf Nachfrage teilt das Einwanderungsministerium dazu nur mit: "Die Beweislast liegt beim Antragsteller: Er muss zeigen, dass er die Bedingungen für ein vorläufiges Visum erfüllt. Alle Anträge aus aller Welt werden unter denselben Kriterien auf gleiche Weise bewertet."

Als ich erzähle, dass ich aus Deutschland komme und über Einwanderung reden möchte, pustet Kehinde Olalere die Backen auf. "Ich mag eure Kanzlerin", sagt der Anwalt mit nigerianischen Wurzeln. "Als hunderttausende Flüchtlinge an der Grenze standen, hat sie sich gesagt: Ich muss sie hereinlassen, auch wenn meine Regierung daran zerbricht, das ist mir egal. Die Geschichte wird über mich urteilen."

Menschen in Afrika direkt erreichen

Neben ihm sitzt sein Zwillingsbruder Taiwo, sie vervollständigen gegenseitig ihre Sätze. Ihr Vater kam in den 70er-Jahren als Student nach Kanada, sie lieben das immer buntere Land. Und sagen gleichzeitig: "Die Botschaft muss sein: Wenn ihr ohne Recht herkommt, schicken wir euch zurück. Und dann werdet ihr den Großteil eures Gelds sinnlos ausgegeben haben. Das muss die Menschen in Nigeria erreichen, und zwar nicht die Politiker dort, sondern die Leute, die es direkt betrifft."

Kanada könnte noch mehr tun, noch mehr aufnehmen, höre ich immer wieder, das Land hat zum Beispiel das 17.-höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit und belegt beim Index für Lebensqualität des UN-Entwicklungsprogramms den zehnten Platz. Sprich: Reich sind die Kanadier und verdammt glücklich. Wenn aber mehr Einwanderer kommen, sagen selbst die Weltoffensten hier, dann einzig zu kanadischen Bedingungen. Wer zur Party will, braucht eine Einladung.

Der US-amerikanische Nationalstolz und Chauvinismus sind den Menschen in Kanada fremd, trotzdem ist die Ansage klar. Erst wer drin ist, kann Liberalismus im echten Wortsinn genießen. Und sich, wenn er will, auch über die Hymne lustig machen. Alle Geschichten aus der Reihe “14 Länder, 14 Reporter”

Kanada:

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Niederlande:

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Japan:

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Schweden:

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FOCUS Online/Wochit/Ruptly Um Einwanderung anzuerkennen: Migrantenverbände fordern „Tag der deutschen Vielfalt“

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